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Der Erzherzog und die leichten Mädchen!



Die Österreichische Nationalbibliothek kaufte die Hinterlassenschaft eines Habsburgers, der ein äußerst eigenwilliges Privatleben führte.


Abenteuerlicher Lebensweg: der Erzherzog (vorne) vor seiner Greißlerei in Wien



Das Haus Habsburg hat manch schrillen Vogel hervorgebracht, der schrillste war aber zweifellos Erzherzog Leopold Salvator, der vorwiegend mit Prostituierten liiert und verheiratet war, eine Greißlerei betrieb und im Kabarett auftrat.
Die Österreichische Nationalbibliothek hat jetzt den Nachlass des skurrilen Aristokraten gekauft.

Die erste Liebe

In die Geschichte ist der Erzherzog unter seinem "bürgerlichen" Namen Leopold Wölfling eingegangen.
So nannte er sich, als er wegen seines Lebenswandels das Kaiserhaus verlassen musste.
Dabei hat alles standesgemäß begonnen:
Leopold kam 1868 in Salzburg als Sohn des Großherzogs Ferdinand von Österreich-Toskana zur Welt und startete seine Karriere bei der Marine.
Der elegante, fesche junge Mann verliebte sich in die spanische Prinzessin Elvira von Bourbon, durfte sie aber nicht heiraten, weil die Ehe den Habsburgern keinen Vorteil gebracht hätte - mit den Bourbonen war man bereits verwandt.

Das Heiratsverbot verursachte den ersten Riss in Leopolds Leben.
Zum zweiten kam es auf hoher See.
Als Marine-Leutnant begleitete er an Bord der "Kaiserin Elisabeth" den späteren Thronfolger Franz Ferdinand, der sich auf einer Weltreise von einer Lungenkrankheit erholen sollte.
Dabei kam es zum Eklat, als aufflog, dass Leopold seine als Matrose verkleidete Geliebte auf das Schiff geschwindelt hatte.

Leopold musste die Marine verlassen und kam in ein Infanterieregiment nach Brünn.
Dort wurde seine Angewohnheit, ausschließlich mit Straßendirnen zu verkehren, bekannt, zumal eine von ihm schwanger wurde.

Im Sommer 1896 schickte der Erzherzog an eine seiner Geliebten einen Brief, doch da diese mittlerweile in einem anderen Etablissement tätig war, ging deren Kollegin Wilhelmine Adamovics zu Leopold, um ihm sein Schreiben zu retournieren.
"Er war sehr freundlich mit mir", hielt Wilhelmine die Begegnung in ihren Memoiren fest, "und von der Minute ab, wo ich in sein liebes Gesicht sah, fühlte ich mich als die seine.
Nach einigen Tagen gehörte ich ihm ganz."

Polizeibekannt

Bald sprach sich Leopolds zwanghafte Leidenschaft für leichte Mädchen bis nach Wien herum, worauf er nach Galizien strafversetzt wurde.
Wilhelmine begleitete ihn dorthin, doch so lange er sich mit ihr - nun bereits als Oberst - in weit entfernten Garnisonen vergnügte, drückte man bei Hof beide Augen zu.
Als er dann aber mit der polizeibekannten Frau, die bereits mehrmals wegen illegaler Prostitution in Haft gewesen war, nach Wien zog, und das ungleiche Paar eine elegante Villa in der Sternwartestraße bezog, war der Bogen überspannt.

Kaiser Franz Joseph ließ seinen Cousin in eine Nervenheilanstalt einweisen und dessen Geliebte mit 100.000 Kronen abfertigen - unter der Bedingung, dass sie den Erzherzog nie wieder sehen würde.
Sie nahm das Geld und fuhr mit dem nächsten Zug nach Zürich, um den mittlerweile aus der Klinik entlassenen Leopold zu treffen.
Der bat nun den Kaiser, "Stellung und Rang als Erzherzog ablegen und den Namen Wölfling annehmen zu dürfen".
Franz Joseph akzeptierte erleichtert, und Leopold konnte Wilhelmine im Juli 1903 in der Schweiz heiraten.

Die Ehe hielt nur vier Jahre.
Danach vermählte sich der ehemalige Erzherzog wieder.
Allerdings ohne es sich zu "verbessern", denn seine zweite Frau Maria Ritter kam ebenfalls vom Straßenstrich.
Und Leopold blieb, als auch diese Ehe in Brüche ging, dem "Milieu" treu.
Kurz nach der Trennung langte bei der Münchner Polizei ein Schreiben ein, in dem Herr Wölfling ansuchte, "die Prostituierte Maria Schweikhardt aus der Aufsicht zu entlassen", weil er selbst für sie sorgen wollte.

Die Rückkehr

Mittlerweile hatte das ungewöhnliche Leben des Habsburgers derartiges Aufsehen erregt, dass sogar die New York Times über ihn berichtete.
Doch Herr Wölfling war jetzt in schlimmer finanzieller Bedrängnis, da er durch den Austritt aus dem Kaiserhaus seine Apanage verloren hatte.
Während der Verstoßene bis zum Ende der Donaumonarchie österreichischen Boden nicht mehr betreten durfte, kehrte er 1921 nach Wien zurück, um in Kaisermühlen eine Greißlerei zu eröffnen.

Für die Kundschaft im Gemeindebau war es natürlich eine Attraktion, von einem ehemaligen Erzherzog die Wurst aufgeschnitten zu bekommen, doch er war auch hier vom Pech verfolgt und ging in Konkurs.

In seinem, jetzt von der Nationalbibliothek erworbenen Erbe finden sich nebst anderer Korrespondenz etliche Bettelbriefe - mit abschlägigen Antworten von Bundeskanzler Seipel und mehreren Aristokraten.
Ein Unbekannter schickte Wölfling 1930 einen Brief, dem 250 Schilling bei lagen, "in der Hoffnung, Sie vor dem Ärgsten bewahren zu können".

Der Nachlass

Der Nachlass enthält auch Fotos, Dokumente und einige Füllfedern Leopolds, der zuletzt wohl nicht viel mehr besessen hat.
Die Habseligkeiten stammen von Aloisia Wölfling, die er 1922 adoptiert hatte, die aber auch seine leibliche Tochter aus einer seiner Beziehungen in Brünn gewesen sein dürfte.
Aloisia starb 1966, der Nachlass gelangte erst jetzt über ein deutsches Auktionshaus für 8000 Euro an die Österreichische Nationalbibliothek.

Wölfling heiratete ein drittes Mal - diesmal "bürgerlich" -, übersiedelte nach Berlin, schrieb seine Memoiren und trat in Kabaretts auf, wo er zum Gaudium des Publikums einen Erzherzog, also sich selbst, spielte.
Er starb 1935 im Alter von 67 Jahren in bitterer Armut, als der schrillste aller Habsburger!



Georg Markus

Kommentare

  1. Hallo Ilse
    da komme ich auf Dein Blog und lerne gleich eine ganz Menge ... Michael wusste von der Geschichte . Ich nicht.
    Oh, heute kam Post hier an, die wahrscheinlich nicht bis Ostern "versteckt" werden kann. Die beiden sind so aufgeregt. Ist das schlimm, wenn sie schon vorher auspacken?
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
    hier ist es leider wieder kühl und regnerisch geworden
    Herzliche Grüsse
    Elisabeth

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  2. Hallo Ilse,
    ja, es war wohl auch in diesen Kreisen nicht alles standesgemäß!
    War aber nett zu lesen.
    Wünsch Dir einen scönen Sonntag,
    lg Anneliese

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  3. Topaktuell bist du dran, liebe Susibella! Gefällt mir, wie du berichtest.
    Es gab je einige "Aussenseiter" unter den Habsburgern - das sind die interessantesten Geschichten - ich denke da an Johann Orth alias
    Johann Salvator, auch so eine tolle Biographioe.
    LG

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