Direkt zum Hauptbereich

Österreichs Ärzte und ihre Patienten!







Jedes Menschenleben hing an einem seidenen Faden, die Wahrscheinlichkeit, die Welt von einer Stunde zur anderen verlassen zu müssen, war groß.
In diesem Bewußstsein lebte man damals, den Tod stets vor Augen, auch mit dreißig oder vierzig Jahren schon.
Die kleinste Entzündung, jede Verletzung oder Verkühlung, konnte zur tödlichen Gefahr werden.
Krankheiten wie Pest, Pocken und Cholera entvölkerten ganze Landstriche.
Im Jahr 1211 gründete Herzog Leopold VI. in der Gegend der heutigen Karlskirche in Wien, das Heiligen-Geist-Spital, in dem Arme, Kranke und Waisen Aufnahme fanden.
Aber die Heilmethoden der Mediziner waren mitunter noch gefährlicher als die Krankheiten, deretwegen man sie konsultierte.

Wien, im Jahre 1679.
Die Straßen sind mit Leichen übersät, die von "Siechknechten" aufgelesen und in eine der 77 Pestgruben am Rande der Stadt verfrachtet werden.
Ein besonderes Bild des Jammers sind die vielen heulenden Kinder, die den Pferdefuhrwerken nachlaufen, auf denen ihre toten Eltern den letzten Weg antreten.
Einer Legende zufolge sei ein Bänkelsänger, der als "Lieber Augustin" bekannt wurde, irrtümlich in einem solchen Massengrab gelandet.
Wie durch ein Wunder hätte er den direkten Kontakt mit den Pesttoten überlebt, worauf er feuchtfröhlich im nächsten Wirtshaus eingekehrte.

Die Wirklichkeit dieser scheren Pestepidemie war weniger idyllisch.
Sah man doch "nichts als Tote tragen, Tote führen, Tote schleifen", wie der Prediger Abraham a Santa Clara die Situation beschrieb.
In der Regel wurde die Infektionskrankheit durch verseuchte Ratten übertragen, weshalb anfangs arme Bevölkerungsschichten in ihren schmutzigen Behausungen betroffen waren, bald aber die ganze Stadt.
Die ärztliche Versorgung war reine Scharlatanerie, Medizinmänner verschrieben Wasch- und Trinkkuren mit menschlichem Urin, und selbst Wilhelm Mannagetta, der berühmte Leibarzt Kaiser Leopolds I., war ahnungslos, was man an seiner Erklärung für den Ausbruch der Seuche erkennt:

- Gotteslästerung, Versäumnis und Verachtung des Gottes-Dienstes
- Unzucht, Hurerey und Ehebruch
- Stoltz und Hoffart nicht nur des Leibes, sondern fürnemlich des Gemüths.
- Ungerechtigkeit, Wucher und Schinderey.
- Aufruhr und Empörung wider die vorgesetzte sowohl geistliche als weltliche Obrigkeit.
- Überflüssige Füllerei im Essen und Trincken.
- Halsstarrige, mutwillige Verharrung in Sünd und Unbußfertigkeit.

Um den Kaiser zu schützen, ging Mannagetta auf Nummer sicher, und schickte ihn fort aus Wien, zuerst nach Mariazell, dann nach Prag, und als auch dort die Seuche ausbrach, nach Linz.

Insgesamt fielen der Pest im Jahr 1679 allein in Wien an die 60.000 Menschen zum Opfer, und damit rund ein Drittel der Bevölkerung, ehe sie mit Eintritt der kalten Jahreszeit gebannt war.
Was blieb war Angst.
Bürger mussten bei Grenzübertritt noch jahrelang ein ärztliches Attest mit sich führen.
Wer dieses Dokument nicht besaß, konnte ohne Angaben von Gründen hingerichtet werden.
Schlimme Pestjahre waren auch 1349, 1521, 1588, 1605, 1653 und 1713.
Vereinzelt trat der "schwarze Tod" noch später auf, zuletzt 1897, als Pestbakterien aus wissenschaftlichen Gründen von Bombay nach Wien gebracht wurden.
Der betrunkene Laborgehilfe Franz Barisch, der mit den Erregern im Allgemeinen Krankenhaus unsachgemäß hantierte, starb ebenso an Lungenpest, wie der ihn behandelnde Arzt und die Pflegerin.

Unvorstellbares Leid erfuhren Patienten, die in jenen dunklen Tagen von Zahnschmerzen geplagt wurden.
Das Zähneziehen, das eigentlich ein "Zähnebrechen" war, besorgten Bader und Barbiere als Jahrmarktspektakel in Bretterbuden.
Sobald ein Patient kam, setzte man ihn aufs Podium, um den meist zahlreich anwesenden Publikum den schlechten Zahn vorzuführen.
Dann klammerte der Zahnbrecher eine riesige Zange an den Zahn, um mit der scherzhaften Prozedur zu beginnen.
Gleichzeitig intonierten mehrere, ebenfalls auf der Bühne platzierten Trompeter mit voller Lautstärke; einerseits, um noch mehr Schaulustige auf die Attraktion aufmerksam zu machen, andererseits, um das Schreien des Opfers zu übertönen.

Sobald der kranke Zahn entfernt war, konnte er von den staunenden Zuschauern inspiziert werden, und der Dentist verbeugte sich unter donnernden Applaus.
Der letzte Quacksalber, der solcherart nachgewiesen ist, "ordinierte" 1721 in einer Marktbude auf der Freyung.
ähnliche Methoden wandten Ärzte an, um Wunden zu ätzen oder zu brennen, vor allem aber um den lebensgefährlichen Aderlass vorzunehmen.
1845 erschien das erste Verzeichnis aller in Wien "praktizierenden Doctoren der Medizin und Chirurgie", sowie der bürgerlichen Wund- und Zahnärzte.

Und wieder war es Maria Theresia, die erkannt hatte, dass die ärztliche Versorgung in ihrem Reich darnieder lag.
Kein Wunder, war die Kaiserin doch auch im engsten Familienkreis ständig mit dem Tod konfrontiert.
Fünf ihrer 16 Töchter und Söhne starben im Kleinkindalter, doch der unmittelbare Aderlass für das Einleiten medizinischer Reformen war das Schicksal ihrer Schwester Maria Anna, die im Dezember 1744 mit Komplikationen im Wochenbett lag.
Als der spätere Staatskanzler Kaunitz beauftragt wurde, für die Erzherzogin einen renommierten Arzt zu suchen, fiel die Wahl auf den Holländer Gerard van Swieten.
Der eilte zu der schwangeren Erzherzogin nach Brüssel, kam aber zu spät.
Die Schwester der Kaiserin starb kurz vor Weihnachten.
Diese Konsultation schrieb trotz ihrer Erfolgslosigkeit Geschichte, wurde sie doch zur Geburtsstunde der Wiener Medizinischen Schule.

Van Swieten hatte auf Kaunitz einen derart kompetenten Eindruck gemacht, dass er ihn als Leibarzt der Kaiserin und obersten Medizinverwalter nach Wien holte.
Dem Niederländer war sofort klar, dass Österreichs Heilkunde im Mittelalter stecken geblieben war.
Er begann mit ungeheurem Elan alle Sparten der Medizin zu reorganisieren, und sorgte dafür, dass der veraltete Hippokratismus - die "Sänftelehre" - von einer praxisorientierten Behandlung abgelöst wurde.
Dann revolutionierte er das Medizinstudium, das bis dahin nur aus theoretischen Vorlesungen bestand, nicht aber im Krankenzimmer unterrichtet wurde.
Van Swieten reservierte dafür zwölf Betten im Wiener Bürgerspital, und führte die tägliche Fiebermessung von Patienten ein, die von Wien aus ihren Siegeszug um die Welt antrat.

Ein schier unlösbares Problem stellten in dieser Zeit die Pocken dar, die auch vor den Toren der Hofburg nicht Halt machten.
Maria Theresia verlor an der Infektionskrankheit ihren Sohn Karl und zwei ihrer Schwiegertöchter.
Kaiser Josefs erste Frau Isabella von Buorbon-Parma starb 1763, zwei Jahre später seine zweite Frau Maria Josepha von Bayern.
Selten wird ein Ehemann sich beim Tod zweier Frauen so unterschiedlich verhalten haben.
Während er Isabella abgöttisch liebte und trotz enormer Ansteckungsgefahr kaum von ihrem Sterbelager wich, weigerte er sich der ebenfalls an Blattern erkrankten Maria Josepha auch nur einen Besuch abzustatten.
In den folgenden Wochen und Monaten wurden weitere Mitglieder der Herrscherfamilie von den Pocken erfasst, unter ihnen die Kaiserin selbst, deren Zustand so bedenklich war, dass man ihr sogar die Sterbesakramente verabreichte.
In der Hofburgkapelle beteten damals alle Würdenträger und Angestellten des Kaiserhauses, und der Platz vor der Burg war voll mit Menschen, die zu den Fenstern ihrer Landesherrin starrten.
Maria Theresia überlebte, aber nun fielen ihre Tochter Maria Josepha und ihre Enkelin Maria Theresia den Pocken zum Opfer.
Eine weitere Tochter, Maria Elisabeth, überlebte zwar, zog sich jedoch, da ihr hübsches Gesicht von Pockennarben entstellt war, für den Rest ihres Lebens in ein Kloster, das "Adelige Damenstift" in Innsbruck, zurück, in dem sie schließlich Äbtissin wurde.
Maria Theresia bezeichnete die Pocken als "Erzfeind des Hauses Habsburg".

Nach van Swietens Tod im Juni 1772 verlor die Ärzteschaft der Stadt Wien an Bedeutung, und Paris lief ihr den Rang als "Mekka der Medizin" ab.
Doch knapp siebzig Jahre später entwickelten Österreichs Mediziner wieder großen Ehrgeiz, der neue Höchstleistungen erbrachte.
Die "Zweite Medizinische Schule" fand ihre Heimstatt in dem von Josef II. gegründeten Allgemeinen Krankenhaus, das in aller Welt Aufsehen erregte, weil hier jeder Patient ein eigenes Bett besaß!

Carl von Rokitansky setzte dort fort, wo Gerard von Swieten aufgehört hatte, und entwickelte die moderne Diagnostik.
Er hatte erfasst, dass die wichtigsten Fortschritte in der Medizin am Seziertisch zu erzielen sind.
Obwohl die katholische Kirche Obduktionenen damals noch als "Leichenschändung" ablehnte, setzte sich Rokitansky darüber hinweg, und sezierte im Laufe seiner Arztkarriere rund 100.000 Tote.
Er zog aus den Untersuchungen Schlüsse auf das Wesen vieler Krankheiten, vor allem am Herzen, im Magen- Darm- und Lungenberich.
Rokitansky begründete die moderne Pathologie und Gerichtsmedizin, und legte gemeinsam mit dem Internisten Joseph Skoda den Grundstein zur Schaffung der medizinischen Spezialfächer.
Junge Ärzte aus ganz Europa strömten zu Skoda und Rokitansky und verkündeten:
"Man kann jetzt wieder etwas lernen in Wien!"


FORTSETZUNG FOLGT

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Guten Morgen...

Lieb grüßt susibella.

Das kleine Teelicht

Es war einmal ein kleiner Baumwollfaden, der Angst hatte, dass er nicht gut genug war, wie er war. „Für ein Schiffstau bin ich viel zu schwach“, sagte er sich, „und für einen Pullover viel zu kurz. Um an andere anzuknüpfen, habe ich zu viele Hemmungen. Für eine Stickerei eigne ich mich auch nicht, dazu bin ich zu farblos. Ja, wenn ich aus goldglänzendem Lurex wäre, dann könnte ich eine Stola verzieren oder ein Kleid, aber so?! Es reicht zu nichts. Was kann ich schon? Niemand mag mich, und ich mich selbst am allerwenigsten.“ So sprach der kleine Baumwollfaden, legte traurige Musik auf und fühlte sich ganz niedergeschlagen in seinem Selbstmitleid.

Da klopfte ein Klümpchen Wachs an seine Tür und sagte.“Lass Dich doch nicht so hängen, Du Baumwollfaden. Ich habe da so eine Idee: Wir beide tun uns zusammen. Ich bin Wachs und Du ein Docht. Für eine große Kerze bist Du zwar zu kurz, und ich bin zu wenig Wachs, aber für ein Teelicht reicht es sicher. Es ist doch viel besser, ein …

Abenteuer Advent

Eigentlich kennen wir das aus alten Märchen – und die erzählen in ihrer Sprache und ihren Bildern viel vom Leben: Wer einem „Geheimnis“ begegnet – und diesem Geheimnis offen gegenübertritt, sei es die verwunschene Prinzessin, der böse Drache, das Einhorn –, der kann sich auf Abenteuer gefasst machen. Wer Geheimnisse im Leben zulässt, der kann und wird was erleben. Und so kommt es wohl auch nicht von ungefähr, dass das ursprünglich lateinische Wort „Advent“ und das englische Wort „adventure“, auf Deutsch „Abenteuer“, auf die gleiche Sprachwurzel zurückgehen. Wer sich auf das Geheimnis der Menschwerdung Gottes einlässt, wer dem Geheimnis der Weihnacht offen gegenübersteht – der kann und wird was erleben: Abenteuer Advent.

Andererseits: Wer das Geheimnis von Weihnachten verstehen will, der braucht den Advent – der braucht die Zeit, in der wir eingeladen sind, neu leben zu lernen, uns neu auf das Abenteuer Leben einzulassen. Wer Weihnachten feiern will, der braucht diese Woc…