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Teil Zwei



Carl von Rokitansky lebte mit seiner Familie in einer Dienstwohnung im Allgemeinen Krankenhaus.
Er und seine Frau, die Konzertsängerin Marie Anna Weis, hatten vier Söhne, von denen zwei Sänger, und zwei Ärzte wurden.
Fragt man Rokitansky nach seinen Söhnen, antwortete er:
"Zwei heulen und zwei heilen".

Rokitansky starb im Alter von 74 Jahren, wobei die Todesursache unklar blieb.
Es gehört zu den großen Rätseln der Wiener Medizinischen Schule, warum ausgerechnet der bedeutendste Pathologe seiner Zeit selbst nicht obduziert wurde.

Dem 1818 in Budapest geborenen Ignaz Semmelweis war als jungem Unterarzt an der Wiener Gebärklinik aufgefallen, dass Mütter, die von Hebammen entbunden wurden, die Geburt ihres Kindes eher überlebten, als Mütter, deren Kinder mithilfe der Ärzte das Licht der Welt erblickten.
Des Rätsels Lösung:
Die Ärzte hatten, bevor sie in den Kreißsaal gingen, Patienten behandelt oder verstorbene seziert, und so die Mütter mit Bakterien oder Leichengift infiziert.
Die Folgen waren dramatisch, in manchen Spitälern starben bis zu 30 Prozent der Mütter am Kindbettfieber, einer Art Blutvergiftung.

Semmelweis erfasste die Notwendigkeit der Desinfektion, und wies den Ärzten einen ganz einfachen Weg.
Sie mussten vor der Geburtshilfe nur ihre Hände mit Chlorkalk waschen.
Und das Ergebnis war sensationell.
Die Müttersterblichkeit ist seit Semmelweis von bis zu 30 Prozent auf 0,1 Promille gesunken!

Im Gegensatz zu Rokitansky, der von Kaiser Franz Joseph ins Herrenhaus berufen wurde, zeigte man Semmelweis für seine epochale Erkenntnis keinerlei Dankbarkeit, im Gegenteil, er wurde von Kollegen angefeindet, weil sie zugeben mussten, dass mangelnde Hygenie mit schuld am Tod Tausender Mütter gewesen war.
"Wir sind Mörder", erklärte Semmelweis bewusst provokant, "ich selbst wage nicht, daran zu denken, wie viele Gräber ich mit meinen untersuchenden Händen geschaufelt habe".

Der Gynäkologe wurde in Wien für eine Assistentenstelle abgelehnt, weshalb er eine Professur für Geburtshilfe in Budapest antrat.
Dort begann seine Tragödie.
Als seine Eltern Zeichen einer Geistesverwirrung erkannten, brachten sie Ignaz Semmelweis in eine Wiener Irrenanstalt, in der er am 13. August 1865, nur 47 Jahre alt, an einer Blutvergiftung starb, die er sich bei einer Rauferei mit dem Anstaltspersonal zugezogen hatte.
Semmelweis sollte den Erfolg seiner Forschung nicht erleben, er wurde erst nach seinem Tod als "Retter der Mütter" weltberühmt.

Der Chirurg Theodor Billroth wurde 1829 als Sohn eines Pastors auf der Insel Rügen geboren, wo er eine schwere Kindheit erlebte.
Als er fünf war, verlor er seinen Vater durch Tuberkulose, danach raffte dieselbe Krankheit seine vier Brüder hinweg, und auch die Mutter starb früh.
Mit 38 Jahren als Professor für Chirurgie nach Wien berufen, erregte er zum ersten Mal Aufsehen, als er der krebskranken Patientin Therese Heller 1881 einen Teil des Magens entfernte, und damit deren Leben rettete.
Es war die erste Operation dieser Art, und sie ging als "Billroth I" in die Geschichte der Medizin ein.
Vier Jahre später entwickelte er mit "Billroth II" eine weitere Operationsmethode, die Magen und Dünndarm miteinander verband.
Bereits 1874 hatte er als erster Arzt einen Krebs befallenen Kehlkopf entfernt, er verbesserte die Operationstechniken an Leber, Milz, Harnblase, an den Eierstöcken und an der Gebärmutter.

Niemand vor Billroth hatte sich an so komplizierte Operationen heran gewagt, Patienten, die von derartigen Leiden befallen waren, hatten keine Überlebenschance.

Billroth war kein trockener Wissenschaftler, sondern ein geselliger Mann und ein talentierter Komponist.
Johannes Brahms, einer seiner engsten Freunde, zeigte sich von seiner Musikalität so angetan, dass er ihm sein "Streichquartett in a-Moll" widmete.
Als man Billroth in Berlin einen Lehrstuhl für Medizin anbot, lehnte er ab, weil ihm "das künstlerische Leben in Wien viel zu lieb geworden" war.

In Billroths Tagen als junger Assistenzarzt kannte man noch nicht einmal eine Narkose, Patienten litten beim kleinsten Eingriff unter unvorstellbaren Schmerzen.
"Ich habe ihn operiert und verbunden, Gott wird ihn heilen", sagten die Ärzte
Doktoren verpflichten sich, ein zölibateres Leben wie Priester zu führen, da sie Tag und Nacht für ihre Patienten da sein mussten.
Billroth hatte die Heiratserlaubnis ausnahmsweise erhalten, weil sein damaliger Chef nicht seinen besten Assistenten verlieren wollte.

Als Billroth während des deutsch-französischen Krieges in Lazaretten mit ansehen musste, wie Soldaten nach Amputationen starben, weil sie von ungelernten Pflegerinnen behandelt wurden, schloss er dem - von ihm gegründeten - Wiener Rudolfinerhaus Österreichs erste Schwesternschule an, und rief damit praktisch einen neuen Berufsstand ins Leben.

Billroth hatte viel Humor, für dessen Verbreitung er selbst sorgte.
Einer seiner Patienten war Hypochonder, und ließ seinen Arzt wegen jeder Kleinigkeit zu sich kommen.
Wieder einmal aus nichtigen Gründen an sein Krankenbett gerufen, traf Billroth den Patienten leidend, Puls und Herz fühlend und aufgeregt in medizinischer Fachliteratur blätternd an.
"Geben Sie acht mein Lieber", warnte Billroth, "Sie werden noch an einem Druckfehler sterben."

Der Chirurg war eine in der ganzen Monarchie unvergleichlich populäre Erscheinung.
Vor seinem Sommerhaus am Wolfgangsee stand sogar eine eigene Haltestelle "Billroth", in der die Bahn nur für ihn hielt.
Er starb 1894 während einer Kur in Abbazia an Herzversagen.
Als zufriedener Mann, denn sein Lebensmotto hatte gelautet:
"Wer anderen hilft, verhilft sich selbst zum Glück."

Während sich Carl von Rockitansky mit dem Satz "Also, ich hab schon ein paar tausend Leichen seziert, aber Seele hab ich noch keine gesehen" über die Psyche des Menschen lustig macht, hat Sigmund Freud sie dann doch "gesehen".

Freud war 1856 im mährischen Städtchen Freiberg zur Welt gekommen, und im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern nach Wien ausgewandert.
Die Übersiedlung sollte sich als schicksalshaft für die Entwicklung der Menscheitsgeschichte erweisen, da die Psychoanalyse nur in Wien und im Wien der Jahrhundertwende entstehen konnte.
Lebensfreude und Todessehnsucht, Weltoffenheit und Spießertum, Eros und Prüderie paarten sich nirgendwo wie hier und damals.

Freud hatte als junger Arzt die Ohnmacht der Psycheatrie erlebt, in deren Bereich es nur wenig Aussicht auf Besserung gab.
Er begann zu experimentieren, um den Problemen näher zu kommen, zuerst mit Kokain, das er fatalerweise für eine ungefährliche Droge hielt, die Heilung bringen könne.
Freud unternahm Versuche an sich selbst, und an seinem Arztkollegen Ernst von Fleischl, der nach einer Amputation seines Daumens, den er sich bei einer Operation verletzt hatte, unter höllischen Schmerzen litt.
Freud verordnete ihm Kokain, an dessen Folgen Fleischl starb.

Doch Freuds unrühmliches Kokain-Experiment sollte nicht unwesentlich zur Entwicklung der Psychoanalyse beitragen.
Denn die Idee, das psychische Verhalten eines Menschen beeinflussen zu können, ließ ihn nicht mehr los.
Als er erkannte, dass es medikamentös nicht zu verwirklichen war, mussten andere Möglichkeiten erforscht werden.
Er versuchte es vorerst mit der Anwendung der Hypnose, in deren Folge er endlich zur Psychoanalyse gelangte.
Der Patient sollte in freier Rede, unbeeinflusst von seinem Gegenüber und auf einer Couch liegend, aus seinem Leben erzählen.

Diese Couch stand in Freuds Ordination an der weltberühmten Adresse Wien IX., Berggasse 19, die er im September 1891 bezogen hatte.
Der spätere Vater der Psychoanalyse behandelte hier bis zu zehn Patienten pro Tag, von denen jeder etwas weniger als eine Stunde blieb.
Pro Stunde waren, da er auf die finanzielle Situation seiner Patienten Rücksicht nahm, zwischen zehn und hundert Kronen (Entspricht im Jahr 2009 laut Statistik Austria ca. 30 bis 300 Euro) zu bezahlen, Bedürftige behandelte er kostenlos.

Freud ließ sich zunächst "alles sagen, was ihnen in den Sinn kommt" und hört ohne zu unterbrechen zu.
Das Ziel der Psychoanalyse sei erreicht, erklärte er, sobald der Patient Einblick in sein Unterbewusstes gewährte.
Denn, und das war seine große Erkenntnis, hinter jedem Verhalten stehen auch Motive, die dem Menschen nicht bewusst sind.
Unbewusste Prozesse sind ein wesentlicher teil unserer Psyche, wobei die Erlebnisse aus der Kindheit eine besondere Rolle spielen.
Über das Unterbewusste, das Verdrängte, wollte er an die Neurosen seiner Patienten "herankommen."

Erst durch Freud erfuhr die Menschheit, dass sie von Trieben gelenkt wird, wobei das Thema Sexualität anhand der vielen Fälle, die Patienten ihm berichtet hatten, immer mehr in den Vordergrund rückten.

FORTSETZUNG FOLGT

Kommentare

  1. Liebe Ilse!
    Es ist sehr spannend, über die Fortschritte in der Medizin zu lesen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.
    Unsere Schrebergartensiedlung heißt "Choleragründe" weil dort vor vielen Jahren ein Krankenhaus für Cholerakranke stand.
    Lieben Gruß
    Poldi

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