Direkt zum Hauptbereich

Große Kriminalfälle Teil 2



Therese Krones war die beliebteste Schauspielerin Wiens.

Doch just als sie in der Rolle der Jugend in Ferdinand Raimunds "Der Bauer als Millionär" ihren größten Erfolg feierte, geriet sie in das Umfeld eines Kriminalfalls, der ihr Leben zerstörte.

Die Tragödie der 25-jährigen Volksschauspielerin begann im Herbst 1826, als sie am Graben von einem elegant gekleideten Herrn angesprochen wurde.
Der Fremde gab sich als Verehrer ihrer Schauspielkunst aus und bat, sie besuchen zu dürfen.

Zwei Tage später klopfte der Mann an ihre Wohnungstür und überreichte dem Dienstmädchen seine Visitenkarte, auf der in gestochenen Lettern "Le Comte Severin Jaroszynski" steht.
Therese Krones lässt bitten, der Graf tritt ein, und beginnt mit polnischem Akzent seine Lebensgeschichte zu erzählen.
Aus altem Adel stammend, sei er in Galizien durch Erbschaft in den Besitz riesiger Ländereien gelangt, die große Einkünfte abwarfen und ihm ein sorgenfreies Leben erlaubten.
Des Landlebens leid geworden, sei er nach Wien übersiedelt, was er noch keinen Tag bereute, vor allem seit er die Krones auf der Bühne gesehen und in sein Herz geschlossen hätte.

Die Schauspielerin schmolz dahin.
Da saß ein offensichtlich steinreicher Aristokrat, und zeigte sein ernsthaftes Interesse für eine aus kleinen Verhältnissen stammende Soubrette, das war schon etwas Besonderes.

Severin schien es ernst zu meinen, und so dauerte es nicht lange, bis Therese dem Charme des Edelmannes erlag.
Die Affäre wurde zum Stadtgespräch, der verliebte Aristokrat gab für die Krones ausschweifende Gelage, bei denen der Champagner in Strömen floss.

Doch dann geschah Unglaubliches.
Am 13. Februar 1827 wurde der Siebzigjährige Priester Johann Konrad Blank in seiner Wohnung an der Ecke Seilerstätte zur Annagasse von Schülern tot aufgefunden.
Ein Unbekannter hatte sein wehrloses Opfer mit mehreren Messerstichen getötet, und Obligationen im Wert von 60.000 Gulden geraubt.
Jaroszynski sprach mit der Krones darüber und zeigte seine Erschütterung.

Drei Tage später gibt der Graf in seiner Wohnung im Trattnerhof eine große Gesellschaft.
Gerade als Krones ihr berühmtes Lied "Brüderlein fein" anstimmt, stürmen Polizeibeamte durch die Tür, von denen einer los schreit:
"Severin von Jaroszynski, Sie werden als Mörder von Professor Blank erkannt und verhaftet!"

Die Gäste glaubten ihren Augen und Ohren nicht zu trauen, Therese Krones muss fassungslos mit ansehen, wie der geliebte Mann in Ketten gelegt und abgeführt wird.
Der Presse ist zu entnehmen, dass der Täter nach dem Mord versucht hätte, Wertpapiere seines Opfers beim Geldmakler Wedel am Graben zu verkaufen, der sofort Anzeige erstattete.

Jaroszynski stammte aus adligem, nicht jedoch aus gräflichem Hause.
Er war mit einer Polin verheirate, die ihm drei Kinder und ein großes Vermögen geschenkt hatte, das durch seine Verschwendungssucht und Spielleidenschaft verloren ging.
Als man ihm in seiner Heimat die Veruntreuung von Staatsgeldern nachwies, flüchtete er nach Wien, wo er Affären mit mehreren Frauen hatte.
Die Krones war nur eine von ihnen.

Als er dem Abbe Blank, der einst sein Lehrer war, einen Besuch abstattete, kam er auf die Idee, ihn zu töten und mehrere in der Wohnung frei herumliegende Aktien an sich zu nehmen.
Mit dem Raubmord glaubte Jaroszynski seinen aufwendigen Lebenswandel finanzieren zu können.

Die Geschichte von der schönen Schauspielerin und dem Mörder füllten die Zeitungsspalten.
Und das Publikum war empört, als die Krones einige Tage später im Leopoldstädter Theater ihren nächsten Auftritt im "Bauer als Millionär" absolvierte.
Bisher immer mit Applaus bedacht, brach jetzt lautstarker Tumult aus.
Therese Krones stand im Kostüm der Jugend unter Buhrufen und lautem Getrampel wie gelähmt da, ehe sie sich Hilfe suchend dem als Fortunatus Wurzel neben ihr stehenden Ferdinand Raimund zuwandte.
Doch die Situation war nicht zu retten, die Schauspielerin verlor das Bewusstsein, und die Vorstellung musste abgebrochen werden.

In den folgenden Tagen wurde der seelisch und körperlich niedergeschlagenen Künstlerin zugetragen, dass viele Wiener ihr die Schuld an dem Verbrechen gaben.
Die grenzenlose Eitelkeit der Krones hätte den verliebten Mann zur Erfüllung ihrer unverschämten Wünsche nach Schmuck und teuren Kleidern verführt, weshalb er sich in Schulden gestürzt, und keinen anderen Ausweg gesehen hätte, als den Raubmord zu begehen.
mehr noch, viele Menschen sahen die Krones als Mitwisserin oder gar als Anstifterin zur Tat.

Auch wenn sie derlei Anschuldigungen als haltlos erwiesen, änderte das nichts daran, dass das Renommee und die Popularität der Künstlerin dahin waren.
Severin Jaroszynski gestand die Tat, er wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Die ahnungslose Diva zog sich vom Theater zurück, sie starb am 26. Dezember 1830 im Gasthaus "Zur Weintraube" auf der Praterstraße im Alter von 29 Jahren an den Folgen einer Blinddarmentzündung - vier Jahre nach der Tat, die ihr Leben zerstörte.


Als Folge der Revolution des Jahres 1848 musste der gefürchtete Polizeipräsident zurücktreten, was von der Bevölkerung Wiens mit großer Erleichterung aufgenommen wurde.
Nach Auflösung der von Sedlnitzky gegründeten Militärpolizei war eine Zeit lang die Städtische Wache für die Sicherheit der Bevölkerung verantwortlich, es dauerte aber nicht lange, bis Kaiser Franz Joseph wieder eine "Militärpolizeiwache" ins Leben rief.

1870 wurde die Wiener Kriminalpolizei gegründet - doch ein geradezu unglaublicher Betrugsfall aus der näheren Umgebung des Kaisers ist dieser nie zu Ohren gekommen.
Dem für Wirtschaftsfragen bei Hof zuständige Hofrat Franz Wetschl war 1896 nach Durchsicht der Auftragsbücher aufgefallen, dass die für die aufwendigen Hoffeste angeschafften Delikatessen, darunter Hummer, Kaviar, Lachs und Champagner, in immer kleineren Mengen einlangte, ohne dass sich der Preis vermindert hätte.
Hofrat Wetschl ging der Sache nach, und konnte unter Beiziehung mehrerer Privatdetektive einen Ring von Betrügern ausforschen, der sich in die kaiserliche Küche eingeschlichen hatte.
Wie sich im Zuge der Überprüfungen herausstellte, hatte der Chefkoch des Kaisers seit Jahren Lebensmittel in großen Mengen "abgezweigt", und unter der Hand an Restaurants weiter verkauft.
Neben dem Chefkoch gab es in der Hofküche eine Reihe von Mitwissern, die von den Unregelmäßigkeiten informiert waren.

Da die Affäre für den Hof äußerst peinlich war, achtete man darauf, nichts nach außen dringen zu lassen.
Weder wurde die Kriminalpolizei eingeschaltet, noch der Haupttäter oder seine Mitwisser entlassen.
Der betrügerische Chefkoch, der durch den illegalen Lebensmittelhandel ein kleines Vermögen angehäuft hatte, wurde in allen Ehren in Pension geschickt, die durch Schweigegeld abgefundenen Komplizen an andere Hofstellen versetzt.

Doch der Korruptionsfall vor den Augen des Kaisers hatte ein tragisches Nachspiel.
Der für die Verwaltung der Hofküche zuständige - in der Sache selbst unschuldige - Oberküchenmeister Heinrich Graf Wolkenstein wurde, da man ihm nach Auffliegen des Falles massive Führungsschwäche vorwarf, mit einem anderen Aufgabengebiet innerhalb des kaiserlichen Haushalts bedacht.
Wenige Wochen danach nahm sich Wolkenstein das Leben, er hatte die Schande, dass Derartiges in seinem Verantwortungsbereich passieren konnte, nicht verkraften.
Der Kriminalfall wurde nach mehr als hundert Jahren (!) durch die Historikerin Martina Winkelhofer aufgedeckt, als sie die alten Bestände des Hofwirtschaftsamtes durchforstete.


Auch Kaiser Franz Joseph inspizierte hin und wieder einzelne Gefängnisse seines Reichs.
Einmal war der als "rasende Reporter" berühmt gewordene Journalist Egon Erwin Kisch als Berichterstatter dabei, als der Monarch eine Haftanstalt besuchte.
Franz Joseph trat, berichtete Kisch, auf einen Häftling zu, und fragte ihn:
"Wie lange muss er sitzen?"
"Lebenslang, Majestät!"
Der Kaiser wandte sich an den Gefängnisdirektor:
"Dem Mann ist die Hälfte der Strafe zu erlassen."
Als Franz Joseph gegangen war, begann man zu überlegen, wie einem "Lebenslänglichem" die Hälfte der Strafe nachzulassen sei.
"Das ist ganz einfach", riet Kisch, "einen Tag sitzen, einen Tag frei, einen Tag sitzen, einen Tag frei....."


Der Name Maria Veith ist durch eine Bühnenstück zu literarischen Ehren gelangt, doch ihr wahres Schicksal, ihre Tragödie, findet sich in den Akten der Polizeidirektion Wien.

Die "Komtesse Mizzi" galt zur Jahrhundertwende als Liebling der Männerwelt.
Adel und Politik waren hingerissen von dem Wiener Mädel, das man in den Ronacher-Separees, im Prater-Vergnügungs-Etablissement "Venedig in Wien", sowie auf Bällen und Redouten antreffen konnte.
Mizzis eleganter Papa, Marcel Graf Veith war meist in finanziellen Schwierigkeiten, doch konnte man mit einer noblen Zuwendung dessen Gunst - und damit die seiner Tochter - erkaufen.

Schönheit, Charme und erotische Freizügigkeit der Komtesse sprachen sich bei prominenten Freiern herum.
Jeder wusste davon, doch niemand unternahm etwas dagegen.
Bis zu jenem 13. November 1907, an dem in der k. u. k. Polizeidirektion Wien eine anonyme Anzeige gegen den angeblichen Grafen wegen Kuppelei eintraf.
Obwohl Mizzis zügelloses Verhalten ohnehin stadtbekannt war, schritt nun die Exekutive ein.
Marcel Veith wurde verhaftet, vorerst nur wegen unerlaubten Führens eines Grafentitels.
Bei der Hausdurchsuchung fand man aber auch Material, das einen Verstoß gegen den Kuppelei - Paragraphen bestätigte.
Veith hatte seine Tochter ab ihren fünfzehnten Lebensjahr an zahlende Kunden vermittelt.

Während der Vater hinter Gittern saß, begann das nächste Kapitel in Mizzis Tragödie.
Ihre einflussreichen Liebhaber blieben aus, da sie fürchteten, in den Skandal verwickelt zu werden.
Sie fand keine Freier mehr und verarmte.
Eines Tages zog man ihre Leiche aus dem Donaukanal.
Mizzi Veith hatte sich ertränkt.

Das Gericht hatte, ehe der Prozess gegen ihren Vater eröffnet wurde, Mizzis Tagebuch entdeckt, in dem die Namen ihrer prominenten Kunden samt pikanter Details aufgelistet waren.
Es kam zu Scheidungen, Karrieren gingen zu Ende, Ehemänner waren plötzlich treu, weil sie ähnliche Skandale fürchteten.
Marcel Veith wurde zu einem Jahr Kerker verurteilt.

Arthur Schnitzler bewegte das Schicksal der "Komtesse Mizzi" so sehr, dass er es 1909 zu dem gleichnamigen Theaterstück verarbeitete.


Nach dem Zusammenbruch der Monarchie übernahm die Republik die bisherige k. u. k. Polizeiorganisation, und baute sie zu einem Exekutivapparat auf, der weltweit Anerkennung fand - eine Reihe von Beamten wurde sogar nach Chicago geholt, wo sie die Ausbildung amerikanischer Nachwuchskräfte unterstützten.
Wiens Polizisten erhielten den Spitznamen "Mistelbacher" - nicht, weil so viele von ihnen aus der niederösterreichischen Bezirksstadt stammten, sondern weil die Wiener Polizeidirektion in Mistelbach ein Erholungsheim für die Beamten errichtet hatte.
1923 gründete Polizeipräsident Schober die Interpol, mit Sitz in Wien, der bald 34 Länder bei traten.
Vier Jahre später zeichnete derselbe Johann Schober allerdings für die blutige Niederschlagung der Julirevolte 1927, nach dem Brand des Justizpalasts, verantwortlich.

Zu den spektakulärsten Kriminalfällen der Ersten Republik zählt der des "Eisenbahnattentäters" Sylvester Matuschka, der innerhalb kürzester Zeit mehrere rätselhafte Zugentgleisungen verursacht hatte.
Vorerst wurden an der Westbahnstrecke bei Maria Anzbach zweimal hintereinander die Gleisanlgen mutwillig beschädigt - jedes Mal mit der Absicht, den heranrollenden Zug in ein tiefes Tal stürzen zu lassen.
Gingen diese Attentate wie durch ein Wunder glimpflich aus, so wurde kurze Zeit später in der Nähe von Berlin eine Zugsgarnitur durch eine Bombe in die Luft gesprengt, wobei mehr als hundert verletzte Passagiere zu beklagen waren.
Bahn - und Polizeiermittler fahndeten nun fieberhaft nach dem unbekannten "Eisenbahnattentäter", ohne das schwerste Unglück dieser Serie verhindern zu können.
Am 13. September 1931 wurde der Nachtschnellzug Budapest - Wien auf einer Brücke nahe der Stadt Biatorbagy in die Luft gesprengt und in eine tiefe Schlucht gerissen.
Vierundzwanzig Passagiere waren tot, hunderte schwer verletzt.

FORTSETZUNG FOLGT

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Guten Morgen...

Lieb grüßt susibella.

Das kleine Teelicht

Es war einmal ein kleiner Baumwollfaden, der Angst hatte, dass er nicht gut genug war, wie er war. „Für ein Schiffstau bin ich viel zu schwach“, sagte er sich, „und für einen Pullover viel zu kurz. Um an andere anzuknüpfen, habe ich zu viele Hemmungen. Für eine Stickerei eigne ich mich auch nicht, dazu bin ich zu farblos. Ja, wenn ich aus goldglänzendem Lurex wäre, dann könnte ich eine Stola verzieren oder ein Kleid, aber so?! Es reicht zu nichts. Was kann ich schon? Niemand mag mich, und ich mich selbst am allerwenigsten.“ So sprach der kleine Baumwollfaden, legte traurige Musik auf und fühlte sich ganz niedergeschlagen in seinem Selbstmitleid.

Da klopfte ein Klümpchen Wachs an seine Tür und sagte.“Lass Dich doch nicht so hängen, Du Baumwollfaden. Ich habe da so eine Idee: Wir beide tun uns zusammen. Ich bin Wachs und Du ein Docht. Für eine große Kerze bist Du zwar zu kurz, und ich bin zu wenig Wachs, aber für ein Teelicht reicht es sicher. Es ist doch viel besser, ein …

Abenteuer Advent

Eigentlich kennen wir das aus alten Märchen – und die erzählen in ihrer Sprache und ihren Bildern viel vom Leben: Wer einem „Geheimnis“ begegnet – und diesem Geheimnis offen gegenübertritt, sei es die verwunschene Prinzessin, der böse Drache, das Einhorn –, der kann sich auf Abenteuer gefasst machen. Wer Geheimnisse im Leben zulässt, der kann und wird was erleben. Und so kommt es wohl auch nicht von ungefähr, dass das ursprünglich lateinische Wort „Advent“ und das englische Wort „adventure“, auf Deutsch „Abenteuer“, auf die gleiche Sprachwurzel zurückgehen. Wer sich auf das Geheimnis der Menschwerdung Gottes einlässt, wer dem Geheimnis der Weihnacht offen gegenübersteht – der kann und wird was erleben: Abenteuer Advent.

Andererseits: Wer das Geheimnis von Weihnachten verstehen will, der braucht den Advent – der braucht die Zeit, in der wir eingeladen sind, neu leben zu lernen, uns neu auf das Abenteuer Leben einzulassen. Wer Weihnachten feiern will, der braucht diese Woc…