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Toll trieben es die alten Wiener


Affären und Liebschaften



Dass es die alten Römer toll trieben, ist hinlänglich bekannt.
Dass ihnen die alten Wiener in nichts nach standen, weiß man wieder weniger.
Wer da meint, unsere Zeiten seien zügelloser als es die früheren gewesen sind, der irrt gewaltig.
Ganz im Gegenteil, gerade als Ehebruch, liebe ohne Trauschein und Prostitution bei Strafe untersagt waren, war die Begierde mindestens so groß wie heute.

Denn das Verbotene erhöhte die Spannung, um zur Sache zu kommen.
War man nach außen hin lammfromm und keusch, so vergnügte man sich hinter verschlossenen Türen mit Wein, Weib und Gesang.
Während Monarchen und Aristokraten ihre Mätressen und Kurtisanen hatten, musste sich der "kleine Mann" oft mit billigen Dirnen zufrieden geben.

Die traf man in einer der 29 Badstuben, die es im Spätmittelalter in Wien gab.
Männer gingen zweimal die Woche ins Schwitzbad, um dann von einer spärlich bekleideten Bademagd abgerieben, gewaschen und auch sonst "gut bedient" zu werden.
Natürlich wurde das außereheliche Treiben mit zweierlei Maß gemessen.
Ein Ehemann, der im Bordell erwischt wurde, musste Buße zahlen, einer Frau jedoch, die fremd ging, drohte die Todesstrafe!

Das Einkassieren des Bußgeldes erledigte die Kirche, obwohl auch deren Vertreter alles andere als zölibatär lebten.
Bei einer Bestandsaufnahme im Jahr 1563 wurden 387 Mönche aufgelistet, die in ihren Klöstern 49 Ehefrauen und 237 Konkubinen unterhielten.
Demgegenüber gaben 86 registrierte Nonnen 50 Kinder als ihre eigenen an.

Es war die sittenstrenge Kaiserin Maria Theresia, die derartigen Ausschweifungen ein Ende bereiten wollte - wobei das nicht ganz uneigennützig geschah.
Hoffte sie doch, mithilfe der von ihr einberufenen "Keuschheitskommission" nicht nur das Triebleben ihrer Untertanen, sondern vor allem auch das ihres Mannes Franz Stephan in den Griff zu bekommen.
Denn toll trieb man`s auch im Hause Habsburg.
Franz Stephan hatte ständig irgendwelche Amouren, wobei Maria Theresia seine langjährige Liason mit der Fürstin Wilhelmine Auersperg den größten Kummer bereitete.
Als die Kaiserin sich 1756 zur Jagd in Ungarn aufhielt, wurde ihr hinterbracht, dass ihr Mann derweil in ganz anderen Revieren wilderte - nämlich in denen der schönen Fürstin, worauf sie sofort nach Wien aufbrach und ihn zur Rede stellte.

Maria Theresia waren derartige Eheprobleme nicht neu, war doch auch ihr Vater, Kaiser Karl VI., ein berüchtigter Schürzenjäger gewesen.
Seine Favoritin war die Italienerin Marianna Pignatelli, die des Kaisers bester freund, Michael Graf Althann, "aufheiraten" musste, wie man damals sagte, um sie als geliebte des Monarchen gesellschaftsfähig zu machen.

Franz Stephan hatte für seine pikanten Tete-a-tetes ein kleines Palais in der Wallnerstraße erworben.
In Wien sprach sich die Adresse des kaiserlichen Liebesnests ebenso herum, wie die amorösen Ausflüge des Kaisers in andere Gegenden.
Natürlich kannte Maria Theresia - von den Wienern liebvoll "Resi" genannt - den in der Stadt kursierenden Spottvers:

Resi, gib acht auf den Franzl,
Er geht zu der Kathl am Schanzl.


Als "Schanzl" bezeichnete man die Uferstrecke des Donaukanals, von der eine Art Schanze hinauf zum Stadttor an der Gonzagabastei führte.
In dieser Gegend scheint eine Kathi den lüsternen Kaiser regelmäßig empfangen zu haben.
Auch sonst machte Franz Stephan bei jeder sich bietenden Gelegenheit schönen Frauen den Hof, wobei die Sängerinnen Astrid und Gabrielli namentlich überliefert sind.

Der später berühmt gewordene Fürst Carl Joseph de Ligne schreibt in seinen Lebenserinnerungen, dass "unser guter Kaiser zwanglose Feste, Frauen und junge Leute liebte.
Zu der Zeit, als ich die Gunst der hübschesten Frau der Welt mit ihm teilte, kam die Kaiserin gelegentlich ins Theater, und dann wagte der Kaiser nicht, seine Loge zu verlassen.
Als er eines Abends aber meinte, seine Gemahlin sei hinreichend abgelenkt, tauchte er in meiner Loge auf, was seine neben mir sitzende Freundin und mich ein wenig verwirrte."

Kaum in der Loge eingelangt, stellte Franz Stephan dem jungen Fürsten eine Frage,, die zu beantworten diesem peinlich schien.
Wie denn die Komödie hieße, in der er sich den ganzen Abend langweilen würde.
Fürst de Ligne zögerte kurz, weil der Name des Stücks so treffend für die ganze Situation war, in der sie sich befanden.
Doch auf des Kaisers Drängen blieb dem Fürsten nichts anderes übrig, als den Titel zu nennen.
Das Stück hieß ausgerechnet:
"Crispin als Nebenbuhler seines Herrn" (Komödie von Alain-Rene Lesage, 1668 - 1747).

"Ich nannte ihm nach einigem Zögern den Titel, halb verlegen, mit unterdrücktem Lachen, und rettete mich so schnell wie möglich nach draußen", schreibt Ligne, den der Kaiser als "Nebenbuhler" übrigens nicht zu fürchten brauchte.
Ging dieser doch ob seiner homoerotischen Schwärmereien als "rosaroter Prinz" in die Geschichte ein.
Berühmt wurde der Fürst Jahrzehnte später als Chronist des Wiener Kongresses, vor allem durch den von ihm kreierten Satz:
"Der Kongress tanzt zwar, aber es geht nichts weiter."

Maria Theresia musste, so lange ihr Mann am Leben war, mit der Schmach leben, von ihm betrogen zu werden.
Sie selbst hatte ihn als Mitregenten eingesetzt, aber "Fulltimejob" war das keiner, weil er praktisch keine Aufgaben hatte.
Als sich der Kaiserin einmal eine Kammerfrau mit ihrem Liebeskummer anvertraute, erteilte sie dieser aus voller Seele den Rat:
"Mein Kind, lass dich warnen! Heirate nie einen Mann, der nichts zu tun hat!"

Franz Stephan, auf den das wohl zutraf, musste sich in seinem kleinen Palast ob der das Liebesleben in Wien inspizierenden Sittenwächter keine allzu großen Sorgen machen, da den Mitgliedern der "Keuschheitskommission" der Zutritt zu den vornehmen Häusern untersagt war.
Als sein Sohn Josef II. an die Macht kam, gab`s die staatlichen Sittenwächter nicht mehr.
Der hätte sich eine Einmischung in sein Liebesleben aber auch verbeten.
In der Ehe mit seiner zweiten Frau Maria Josepha, die er angeblich nie berührt haben soll, war er gerne in der Vorstadt am Spittelberg unterwegs, wo die Vertreterinnen der käuflichen Liebe auf Kundschaft warteten.
Eines Nachts soll Kaiser Josef im Wirtshaus in der Gutenberggasse 13 eingekehrt sein.
Über die Frage, was dort geschah, gehen die Berichte auseinander.
Die einen besagen, Josef wollte den übelbeleumundeten Ort nur inspizieren, andere meinten, er hätte die Dienste einer Dirne in Anspruch genommen, sich dann aber zu zahlen geweigert haben.
Jedenfalls seien Majestät am Kragen gepackt und vor die Tür gesetzt worden.

So unfreundlich man den Kaiser am Spittelberg behandelt haben mochte, war man später doch irgendwie stolz darauf, dass die Allerhöchste Majestät da gewesen sein soll.
Und so erinnert eine steinerne Tafel an den Besuch:

Durch dieses Thor in hohem Bogen,
Ist Kaiser Joseph einst geflogen


Natürlich waren die feinen Herren im Normalfall nicht auf die Dienste der - meist illegal tätigen - Freudenmädchen angewiesen.
Adelige konnten mit gefügigem Hauspersonal rechnen, die grenzen zwischen Stubenmädchen und Prostituierten waren oft fließend.
Aber auch Tänzerinnen und Schauspielerinnen erfreuten sich in jenen lustvollen Tagen eines eher zweifelhaften Rufs.

Wie Josef war dessen Bruder und Nachfolger, Leopold II., ganz dem Vater nachgeraten, und zählte zu den lebenslustigsten Habsburgern.
Namentlich bekannt sind Leopolds Geliebte Lady Anne Cowper, Comtessde Josepha von Erdödy, und die schöne Tänzerin Livia Raimondi, die er, noch bevor er Kaiser wurde, als Großherzog der Toskana kennen und lieben lernte.
Studenten hatten sie während eines Ballettabends in Pisa ausgepfiffen, worüber sich die Künstlerin bei Leopold beschwerte.
Nach der Audienz wurden zarte Bande geknüpft, denen ein Sohn namens Luigi entsprang.
Im Jahr, in dem dieser zur Welt kam, gebar ihm seine Gemahlin Maria Luise ein Kind - das sechzehnte!

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